Krappmann: Wie gelingt Identität im Alltag?

Krappmanns Modell der sozialen Identität

Schritt 1

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Schätz ehrlich ein, wie gut du das schon kannst. Daraus entsteht dein persönlicher Lernplan.

  1. Selbstcheck

    Ich kann erklären, was Krappmann unter balancierender Identität versteht.

    Tipp auf die Sterne

    Kompetenz 1 von 6

  • Ich kann erklären, was Krappmann unter balancierender Identität versteht.
  • Ich kann soziale und persönliche Identität voneinander abgrenzen.
  • Ich kann die vier identitätsfördernden Fähigkeiten nennen und erklären.
  • Ich kann die Fähigkeiten in einem Fallbeispiel begründet erkennen und zuordnen.
  • Ich kann Krappmanns Modell mit Meads Theorie vergleichen.
  • Ich kann beurteilen, wie Erziehung die Fähigkeiten fördern kann und wo das Modell an Grenzen stößt.

Mein Lernplan

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    Schritt 2

    Die Theorie erklärt

    Wer bin ich eigentlich wirklich? Spiele ich nur eine Rolle?

    Du hast sicher schon einmal über das Verhalten von Menschen nachgedacht, vor allem von bekannten Persönlichkeiten oder Stars. Wie verhalten sie sich privat im Vergleich zu ihrem Auftritt auf der Bühne? Sind sie im echten Leben genauso, wie wir sie im Fernsehen oder auf der Bühne erleben? Die Wahrheit ist: Wir alle schlüpfen täglich in verschiedene Rollen – je nachdem, mit wem wir zu tun haben und in welcher Situation wir uns befinden.

    Wer bin ich wirklich und warum verhalte ich mich so?

    Der bekannte Philosoph Richard David Precht hat es mit seinem Buchtitel treffend formuliert: „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“. Der deutsche Soziologe Lothar Krappmann gibt darauf in seinem Buch „Soziologische Dimensionen der Identität“ (1969) eine Antwort. Er knüpft an George Herbert Mead an: Identität ist nicht angeboren, sondern entsteht in der Interaktion mit anderen. Anders als Mead fragt Krappmann aber vor allem, wie wir unsere Identität im Alltag immer wieder neu herstellen – gerade dann, wenn die Erwartungen an uns widersprüchlich sind. Für ihn sind Rollen deshalb nicht starr festgelegt. Sie werden ständig neu verhandelt und können mit eigenen Vorstellungen gefüllt werden.

    Dabei stehst du laut Krappmann immer zwischen zwei Erwartungen: Die soziale Identität verlangt, dass du so bist wie alle anderen und dich an Normen und Rollen hältst (horizontale Dimension, also die Menschen, mit denen du gerade zu tun hast). Die persönliche Identität verlangt, dass du einzigartig bist und eine unverwechselbare Lebensgeschichte hast (vertikale Dimension, also deine Vergangenheit und Zukunft). Beides gleichzeitig ganz zu erfüllen, ist unmöglich.

    Deshalb ist Identität ein ständiges Balancieren zwischen persönlicher und sozialer Identität. Krappmann nennt das balancierende Identität. Sie ist nie fertig, sondern muss in jeder neuen Situation wieder ausgehandelt werden. Passt du dich komplett an, verlierst du dich selbst. Bestehst du dagegen nur auf deiner Einzigartigkeit, kannst du kaum noch mit anderen zusammen handeln.

    Können wir unser Rollenverhalten beeinflussen und trainieren?

    Ja, das können wir! Vier identitätsfördernde Fähigkeiten helfen uns dabei:

    1. Empathie (Role Taking): Die Fähigkeit, sich in die Position eines anderen zu versetzen und seine Erwartungen und seine Sicht zu erkennen. Nur wer weiß, was die anderen erwarten, kann darauf eine eigene Antwort finden.
    2. Rollendistanz: Die Fähigkeit, sich von Rollen zu distanzieren, sie von einer Meta-Ebene aus zu betrachten und kritisch zu hinterfragen. Das heißt nicht, die Rolle abzulehnen, sondern sie bewusst und auf eigene Weise auszufüllen.
    3. Ambiguitätstoleranz: Die Fähigkeit, widersprüchliche Erwartungen und Rollenkonflikte auszuhalten, ohne eine Seite einfach zu verdrängen.
    4. Identitätsdarstellung: Die Fähigkeit, die eigene Identität – also die gefundene Balance – in der Interaktion so zu zeigen, dass andere sie wahrnehmen und berücksichtigen können.

    Wenn wir diese Fähigkeiten bewusst trainieren, unterstützen wir die Entwicklung einer gelingenden, balancierenden Identität.

    Kinder kann man von Anfang an in ihrer Persönlichkeitsentwicklung fördern. Ermutige sie, verschiedene Rollen auszuprobieren, sich in andere hineinzuversetzen, über Erwartungen zu sprechen und ihre eigene Sicht nach außen zu vertreten – zum Beispiel durch die freie Wahl von Kleidung oder Hobbys, durch Rollenspiele oder im Klassenrat. Das Ziel: Kinder sollen lernen, immer wieder ein Gleichgewicht zwischen ihrer persönlichen und sozialen Identität zu finden.

    Aber Achtung: Kritiker weisen darauf hin, dass sich Identität nicht überall frei aushandeln lässt. Wer weniger Macht hat, etwa gegenüber Chef oder Lehrkraft, hat oft wenig Spielraum. Außerdem setzt das Modell sprachliche und soziale Fähigkeiten voraus, die nicht alle Menschen gleichermaßen mitbringen.

    Begriffe verstehen

    Balancierende Identität
    Die Leistung, in jeder Interaktion einen Ausgleich zwischen den Erwartungen der anderen (soziale Identität) und der eigenen Einzigartigkeit (persönliche Identität) zu finden. Sie wird immer wieder neu ausgehandelt.Beispiel: Ein Azubi erfüllt die Erwartungen im Betrieb, bleibt aber mit seinem eigenen Stil erkennbar.
    Soziale und persönliche Identität
    Soziale Identität: die Erwartung der anderen, dass ich mich wie alle an Normen und Rollen halte (horizontale Dimension). Persönliche Identität: die Erwartung, dass ich einzigartig bin und eine unverwechselbare Lebensgeschichte habe (vertikale Dimension).Beispiel: Als Schülerin soll Lara pünktlich sein wie alle (sozial), gleichzeitig ist sie „die mit den Poetry-Slam-Texten“ (persönlich).
    Rollendistanz
    Die Fähigkeit, sich über Rollenerwartungen zu stellen, sie zu reflektieren und kritisch zu hinterfragen, statt sie einfach zu erfüllen oder ganz abzulehnen.Beispiel: Ein Klassensprecher fragt sich, ob er wirklich immer die Meinung der Lehrkraft weitergeben muss.
    Empathie (Role Taking)
    Die Fähigkeit, die Erwartungen und die Sicht des Gegenübers zu erkennen und sich in seine Lage hineinzuversetzen.Beispiel: Eine Schülerin merkt, dass ihre Freundin nach der schlechten Note Trost statt Ratschläge braucht.
    Ambiguitätstoleranz
    Die Fähigkeit, widersprüchliche Erwartungen und Rollenkonflikte auszuhalten, ohne sofort eine Seite zu verdrängen.Beispiel: Ein Jugendlicher hält aus, dass seine Eltern Lernen und seine Freunde Party erwarten, und sucht einen eigenen Weg.
    Identitätsdarstellung
    Die Fähigkeit, die eigene Identität in der Interaktion so zu zeigen, dass andere sie wahrnehmen und berücksichtigen können.Beispiel: Eine Schülerin erklärt im Praktikum offen, dass sie wegen ihres Glaubens nicht an der Weihnachtsfeier teilnimmt, und bietet eine Alternative an.

    Ein Beispiel Schritt für Schritt: Deniz als Kapitän

    Der 16-jährige Deniz ist Kapitän der Fußballmannschaft. Der Trainer erwartet, dass er beim nächsten Spiel seinen besten Freund auf die Bank setzt, weil dieser oft zu spät kommt. Das Team findet, ein Kapitän müsse zu seinen Freunden halten. Deniz ärgert sich zuerst über beide Seiten. Dann spricht er mit seinem Freund, versteht, dass dieser nachmittags auf seine kleine Schwester aufpasst, und schlägt dem Trainer vor, die Trainingszeiten zu ändern. Vor der Mannschaft erklärt er ruhig, warum er so entschieden hat.

    1. Deniz muss eine balancierende Identität herstellen. Trainer und Team stellen widersprüchliche Erwartungen an seine Rolle (soziale Identität), gleichzeitig will er als fairer Freund erkennbar bleiben (persönliche Identität).
    2. Deniz zeigt Ambiguitätstoleranz und Rollendistanz. Er hält den Konflikt aus, statt sich vorschnell für eine Seite zu entscheiden, und hinterfragt, was die Kapitänsrolle von ihm wirklich verlangt.
    3. Im Gespräch mit dem Freund zeigt Deniz Empathie (Role Taking). Er versetzt sich in dessen Lage und erkennt den Grund für das Zuspätkommen.
    4. Vor der Mannschaft nutzt Deniz die Identitätsdarstellung. Er macht seine Entscheidung und seine Sicht für die anderen nachvollziehbar, damit sie in der Interaktion anerkannt werden kann.

    Grenzen der Theorie

    • Machtunterschiede werden zu wenig berücksichtigt. In Schule, Beruf oder Familie können Schwächere ihre Identität oft nicht gleichberechtigt aushandeln.
    • Das Modell setzt sprachliche und soziale Fähigkeiten voraus, die ungleich verteilt sind. Kritiker sehen darin ein eher mittelschichtorientiertes Ideal.
    • Die ständige Balance-Leistung kann überfordern. Außerdem beschreibt das Modell kaum, wie sich die Fähigkeiten im Lebenslauf entwickeln, und ist empirisch schwer zu überprüfen.

    Schritt 3

    Video: Tobi erklärt Krappmann

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    Schritt 4 · Anwendung und Training

    Teste dich!

    8 kurze Fragen. Tipp auf eine Antwort, dann siehst du sofort, ob sie stimmt.

    1. Frage 1 von 8: Was meint Krappmann mit „balancierender Identität“?

      Identität ist bei Krappmann nie fertig. Sie muss in jeder Interaktion zwischen sozialer und persönlicher Identität neu ausbalanciert werden.

      Lösung anzeigen

      Richtig: Den ständigen Ausgleich zwischen den Erwartungen der anderen und der eigenen Einzigartigkeit. Identität ist bei Krappmann nie fertig. Sie muss in jeder Interaktion zwischen sozialer und persönlicher Identität neu ausbalanciert werden.

    2. Frage 2 von 8: Was beschreibt die soziale Identität?

      Die soziale Identität verlangt, so zu sein wie alle. Die persönliche Identität verlangt dagegen, einzigartig zu sein.

      Lösung anzeigen

      Richtig: Die Erwartung, sich wie alle anderen an Normen und Rollen zu halten. Die soziale Identität verlangt, so zu sein wie alle. Die persönliche Identität verlangt dagegen, einzigartig zu sein.

    3. Frage 3 von 8: Eine Schülerin fragt sich, ob die Rolle „gute Schülerin“ wirklich immer bedeutet, alles ohne Nachfragen zu erledigen. Welche Fähigkeit zeigt sie?

      Sie betrachtet die Rollenerwartung von außen und hinterfragt sie kritisch. Das ist Rollendistanz.

      Lösung anzeigen

      Richtig: Rollendistanz. Sie betrachtet die Rollenerwartung von außen und hinterfragt sie kritisch. Das ist Rollendistanz.

    4. Frage 4 von 8: Ein Jugendlicher erträgt, dass Eltern und Freunde Gegensätzliches von ihm erwarten, ohne eine Seite einfach auszublenden. Wie heißt diese Fähigkeit?

      Ambiguitätstoleranz bedeutet, widersprüchliche Erwartungen auszuhalten. Ohne sie wäre keine Balance möglich.

      Lösung anzeigen

      Richtig: Ambiguitätstoleranz. Ambiguitätstoleranz bedeutet, widersprüchliche Erwartungen auszuhalten. Ohne sie wäre keine Balance möglich.

    5. Frage 5 von 8: Welche Fähigkeit entspricht dem Role Taking?

      Beim Role Taking versetze ich mich in die Lage des anderen und erkenne seine Erwartungen. Krappmann nennt das Empathie.

      Lösung anzeigen

      Richtig: Empathie. Beim Role Taking versetze ich mich in die Lage des anderen und erkenne seine Erwartungen. Krappmann nennt das Empathie.

    6. Frage 6 von 8: Warum ist Identitätsdarstellung für Krappmann notwendig?

      Die Balance muss in der Interaktion sichtbar werden. Nur wenn ich zeige, wer ich bin, können andere darauf eingehen.

      Lösung anzeigen

      Richtig: Damit andere die eigene Identität in der Interaktion wahrnehmen und berücksichtigen können. Die Balance muss in der Interaktion sichtbar werden. Nur wenn ich zeige, wer ich bin, können andere darauf eingehen.

    7. Frage 7 von 8: Worin geht Krappmann über Mead hinaus?

      Krappmann übernimmt Meads interaktionistischen Ansatz, betont aber das ständige Aushandeln und nennt vier identitätsfördernde Fähigkeiten.

      Lösung anzeigen

      Richtig: Er beschreibt konkrete Fähigkeiten, die man für eine gelingende Identität braucht, und betont das Aushandeln.. Krappmann übernimmt Meads interaktionistischen Ansatz, betont aber das ständige Aushandeln und nennt vier identitätsfördernde Fähigkeiten.

    8. Frage 8 von 8: Welcher Kritikpunkt wird an Krappmanns Modell häufig genannt?

      In Schule, Beruf oder Familie sind die Beteiligten oft nicht gleich mächtig. Dann lässt sich Identität nicht frei aushandeln.

      Lösung anzeigen

      Richtig: Es berücksichtige Machtunterschiede in Interaktionen zu wenig.. In Schule, Beruf oder Familie sind die Beteiligten oft nicht gleich mächtig. Dann lässt sich Identität nicht frei aushandeln.

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    Schritt 5

    Impulsfragen zum Prüfungs-Training

    1. AFB IIAnalysiere

      Material

      Sara (17) jobbt in einem Café. Ihre Chefin erwartet, dass sie immer lächelt und Gäste duzt. Sara findet das bei älteren Gästen unpassend. Sie überlegt, wie sich diese Gäste fühlen, spricht die Chefin an und schlägt vor, ältere Gäste zu siezen. Die Spannung zwischen der Anweisung und ihrer eigenen Einstellung hält sie so lange aus, bis eine Lösung gefunden ist.

      Analysiere das Material mithilfe von Krappmanns Modell. Zeige, welche identitätsfördernden Fähigkeiten Sara nutzt.

      Zeige mögliche Lösungsansätze
      1. Stelle die Ausgangslage als Spannung zwischen sozialer Identität (Erwartungen der Chefin) und persönlicher Identität (eigene Einstellung) dar.
      2. Ordne zu: Nachdenken über die Anweisung als Rollendistanz, Hineinversetzen in die Gäste als Empathie.
      3. Ordne zu: Aushalten der Spannung als Ambiguitätstoleranz, Gespräch mit der Chefin als Identitätsdarstellung.
      4. Schließe mit der Einordnung, dass Sara eine balancierende Identität herstellt.
    2. AFB IIVergleiche

      Vergleiche Meads und Krappmanns Vorstellung davon, wie Identität entsteht.

      Zeige mögliche Lösungsansätze
      1. Gemeinsamkeit: Beide sind interaktionistische Modelle, Identität entsteht in sozialer Interaktion und durch Perspektivübernahme.
      2. Mead: Entwicklung über Play und Game, Self aus dem Wechselspiel von I und Me.
      3. Krappmann: Identität als ständige Balance zwischen sozialer und persönlicher Identität, die immer neu ausgehandelt wird.
      4. Unterschied: Krappmann benennt konkrete Fähigkeiten (Rollendistanz, Empathie, Ambiguitätstoleranz, Identitätsdarstellung) und betont Konflikte und widersprüchliche Erwartungen stärker.
    3. AFB IIErläutere

      Erläutere, wie eine Lehrkraft im Unterricht die vier identitätsfördernden Fähigkeiten fördern kann.

      Zeige mögliche Lösungsansätze
      1. Rollendistanz: Rollen und Erwartungen im Unterricht thematisieren, zum Beispiel Rollenspiele mit anschließender Reflexion.
      2. Empathie: Perspektivwechsel üben, etwa Streitfälle aus Sicht verschiedener Beteiligter betrachten.
      3. Ambiguitätstoleranz: Dilemmata und offene Fragen besprechen, ohne sofort eine richtige Lösung vorzugeben.
      4. Identitätsdarstellung: Gelegenheiten geben, eigene Meinungen und Interessen zu vertreten, etwa in Diskussionen oder im Klassenrat.
    4. AFB IIIBeurteile

      Beurteile, ob Krappmanns Modell der balancierenden Identität ein realistisches Leitbild für Jugendliche ist.

      Zeige mögliche Lösungsansätze
      1. Stelle kurz das Leitbild dar, nämlich Identität als aktive, ständige Balance mithilfe der vier Fähigkeiten.
      2. Argumente dafür: passt zu vielfältigen Rollen und Erwartungen in modernen Gesellschaften, Jugendliche werden als aktive Gestalter gesehen, Fähigkeiten sind pädagogisch förderbar.
      3. Argumente dagegen: Machtgefälle begrenzen das Aushandeln, ständige Balance kann überfordern, Modell setzt sprachliche Fähigkeiten und Ressourcen voraus, die nicht alle haben.
      4. Komme zu einem begründeten Urteil, zum Beispiel „sinnvolles Ziel, aber nur mit Unterstützung und passenden Bedingungen erreichbar“.

    Alles Wichtige zu Krappmann auf einem Blatt:

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