Nieke: Wie gelingt interkulturelle Erziehung?
Niekes interkulturelle Erziehung
Schritt 1
Wo stehst du gerade?
Schätz ehrlich ein, wie gut du das schon kannst. Daraus entsteht dein persönlicher Lernplan.
Selbstcheck
Ich kann mindestens sechs der zehn Ziele interkultureller Erziehung nach Nieke nennen.
Tipp auf die Sterne
Kompetenz 1 von 6
- Ich kann mindestens sechs der zehn Ziele interkultureller Erziehung nach Nieke nennen.
- Ich kann erklären, warum Nieke den eigenen Ethnozentrismus für unvermeidlich hält und was daraus pädagogisch folgt.
- Ich kann die Entwicklung von der Ausländerpädagogik zur interkulturellen Bildung in Niekes sechs Phasen darstellen (LK).
- Ich kann Niekes Ziele begründet auf eine Konfliktsituation in der Schule anwenden.
- Ich kann Niekes Ansatz mit anderen Theorien, etwa Piaget oder Klafki, in Beziehung setzen.
- Ich kann die pädagogische Tragfähigkeit von Niekes Konzept beurteilen, auch mit Blick auf die Grenzen der Toleranz.
Mein Lernplan
Bewerte dich links, dann schreib ich dir hier auf, womit du anfangen solltest.
Schritt 2
Die Theorie erklärt
Wolfgang Nieke ist emeritierter Professor für Pädagogik. In seiner jahrelangen Forschung hat er die Entwicklung und Bedeutung interkultureller Bildung in multikulturellen Gesellschaften herausgearbeitet. Wichtig ist dabei sein Kulturbegriff: Kultur ist für Nieke vereinfacht gesagt die Gesamtheit der gemeinsamen Deutungsmuster einer Lebenswelt – also all das, was Menschen in ihrem Alltag für normal, richtig und selbstverständlich halten. Weil jeder Mensch in so einer Lebenswelt aufwächst, betrifft interkulturelle Bildung nicht nur Zugewanderte, sondern alle. Aus der Fachdiskussion hat Nieke zehn Ziele interkultureller Erziehung und Bildung zusammengetragen, auf die sich viele Fachleute einigen können:
- Erkennen des eigenen, unvermeidlichen Ethnozentrismus: Jeder Mensch ist in seiner eigenen Kultur verankert. Diese Perspektive prägt auch deine Wahrnehmung. Abschaffen kannst du sie nicht, aber du kannst sie dir bewusst machen.
- Umgehen mit Befremdung: Wenn dir etwas fremd vorkommt, ist ein Gefühl von Irritation ganz normal. Es kommt darauf an, dieses Gefühl bewusst wahrzunehmen und nicht in Abwehr oder Abwertung umschlagen zu lassen.
- Grundlagen von Toleranz: Toleranz sollte ein fundamentales Prinzip des Zusammenlebens sein. Sie muss aber begründet werden und hat Grenzen, etwa dort, wo Menschenrechte verletzt werden.
- Akzeptieren von Ethnizität: Die Besonderheiten jeder Ethnie sollten respektiert und zugelassen werden. Dazu gehört auch die Rücksichtnahme auf die Sprachen von Minderheiten.
- Thematisieren von Rassismus: Rassismus existiert in vielen Formen, auch im Alltag. Er muss angesprochen werden, damit man ihn wirksam bekämpfen kann.
- Das Gemeinsame betonen: Unterschiede sind offensichtlich. Deshalb sollte auch hervorgehoben werden, was Kulturen verbindet. So vermeidet man die Gefahr des Ethnizismus, also Menschen nur noch über ihre Herkunft zu sehen.
- Ermunterung zu Solidarität: Ein solidarisches Miteinander zwischen Majorität und Minderheit sollte gefördert werden. Dabei muss man berücksichtigen, dass Mehrheit und Minderheiten nicht gleich viel Macht haben.
- Einüben in Formen vernünftiger Konfliktbewältigung: Konflikte lassen sich als Chance für konstruktive Diskussionen nutzen. Nieke meint damit auch den Umgang mit Kulturkonflikten und mit dem Kulturrelativismus: Nicht alles ist schon deshalb richtig, weil es in einer Kultur üblich ist. Streitfragen sollen mit Argumenten geklärt werden.
- Möglichkeit gegenseitiger kultureller Bereicherung erkennen: Der Austausch zwischen Kulturen bietet Chancen, sich gegenseitig zu bereichern.
- Wir-Identität thematisieren: Die Definition von „Wir“ und „Die Anderen“ sollte hinterfragt und erweitert werden. Im weitesten Sinn geht es um ein „Wir“, das alle Menschen einschließt und globale Verantwortung übernimmt.
Wie hat sich die interkulturelle Bildung im Laufe der Zeit entwickelt?
Die interkulturelle Bildung ist im Wandel. Nieke beschreibt diese Entwicklung in sechs Phasen (die Entwicklung darstellen zu können, verlangt der Kernlehrplan vor allem im LK):
- „Ausländerpädagogik“ als Nothilfe: Mit den Gastarbeiterkindern kamen in den 1960er- und 1970er-Jahren viele Kinder ohne Deutschkenntnisse an deutsche Schulen. Man ging davon aus, dass sie nur vorübergehend bleiben („transitorische Nothilfe“), und wollte vor allem Defizite ausgleichen.
- Kritik an der Ausländerpädagogik: Kritiker bemängelten, dass die Kinder so als Problemfälle abgestempelt werden und dass Pädagogik politische Fragen wie Aufenthaltsrecht oder Arbeitsmarkt nicht lösen kann.
- Förderpädagogik und interkulturelle Erziehung werden getrennt: Sprachförderung für Zugewanderte bleibt wichtig. Interkulturelle Erziehung richtet sich aber an alle Kinder und erkennt an, dass die Gesellschaft dauerhaft multikulturell ist.
- Erweiterung des Blicks auf ethnische Minderheiten: Zugewanderte werden nicht mehr nur als „Ausländer“ gesehen, sondern als ethnische Minderheiten mit eigener Sprache und Kultur. Auch alteingesessene Minderheiten wie Sinti und Roma geraten in den Blick.
- Interkulturelle Bildung als Teil der Allgemeinbildung: Leben in einer vielfältigen Gesellschaft wird Aufgabe aller Schulen und Fächer.
- Neo-Assimilationismus: Phasenweise, besonders nach 2001, rückt wieder die Anpassung an die Mehrheitsgesellschaft in den Vordergrund, etwa mit der Forderung nach Integration vor allem über die deutsche Sprache. Nieke sieht das kritisch.
Heute wird die Idee oft zur Pädagogik der Vielfalt und Diversitätssensibilität weiterentwickelt. Neben Kultur geraten dabei auch andere Unterschiede wie Geschlecht, soziale Lage oder Behinderung in den Blick.
Welche pädagogischen Theorien stehen in Verbindung mit interkultureller Bildung?
Du kannst interkulturelle Bildung mit verschiedenen pädagogischen Ansätzen in Beziehung setzen:
- Schulen als sekundäre Sozialisationsinstanz: Hier treffen Kinder aus verschiedenen Lebenswelten oft zum ersten Mal dauerhaft aufeinander.
- Die kognitive Entwicklung nach Piaget und ihre Relevanz für das Verständnis von Ethnozentrismus bei Kindern: So wie Kinder ihren Egozentrismus erst nach und nach überwinden (Dezentrierung), muss man auch lernen, die eigene kulturelle Brille zu erkennen.
- Klafkis Bildungstheorie und die Bedeutung von Solidaritätsfähigkeit: Sie passt eng zu Niekes Ziel, Solidarität zwischen Mehrheit und Minderheiten zu fördern.
Welche Relevanz hat interkulturelle Bildung heute?
Gesellschaften werden immer vielfältiger. Interkulturelle Bildung bietet Werkzeuge und Perspektiven, um das Zusammenleben zu bereichern und zu verbessern. Es geht darum, Unterschiede zu erkennen, Gemeinsamkeiten zu betonen, Konflikte fair auszutragen und so ein gutes Miteinander zu fördern.
Im Abitur ist „Interkulturelle Bildung“ in GK und LK Pflicht, auch wenn Nieke in den Vorgaben nicht namentlich genannt wird. Du solltest ein Konzept wie Niekes zehn Ziele darstellen und seine pädagogische Tragfähigkeit beurteilen können. Frag dich dabei zum Beispiel: Sind die Ziele konkret genug für den Schulalltag? Und besteht die Gefahr, Menschen doch wieder in feste „Kulturen“ einzusortieren?
Begriffe verstehen
- Ethnozentrismus
- Die Neigung, andere Kulturen mit den Maßstäben der eigenen Kultur zu betrachten und zu bewerten. Nach Nieke ist er unvermeidlich, weil jeder Mensch in einer Kultur aufwächst – er kann aber bewusst gemacht und reflektiert werden.Beispiel: Jemand findet es „unhöflich“, dass in einer anderen Kultur beim Essen geschmatzt wird, weil es in der eigenen Familie verboten war.
- Befremdung
- Das Gefühl von Irritation oder Unbehagen, wenn man auf ungewohnte Verhaltensweisen oder Werte trifft. Ziel ist, dieses Gefühl wahrzunehmen und nicht in Abwehr oder Abwertung umschlagen zu lassen.Beispiel: Eine Schülerin ist irritiert, dass ein Mitschüler während des Ramadan fastet, und fragt nach, statt sich lustig zu machen.
- Toleranz
- Das Gelten- und Aushalten-Lassen anderer Überzeugungen und Lebensweisen, auch wenn man sie nicht teilt. Toleranz braucht eine begründete Grundlage und hat Grenzen, etwa bei Verletzung der Menschenwürde.Beispiel: Man akzeptiert andere Kleidungsvorschriften, toleriert aber keine Gewalt, die kulturell gerechtfertigt wird.
- Ethnizität
- Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe mit gemeinsamer Herkunft, Sprache, Geschichte oder Tradition. Nieke fordert, sie zu akzeptieren und etwa die Sprache von Minderheiten zu respektieren.Beispiel: Herkunftssprachlicher Unterricht in Türkisch oder Arabisch an der Schule.
- Rassismus
- Die Abwertung von Menschen aufgrund zugeschriebener Merkmale wie Herkunft, Hautfarbe oder Religion. Er zeigt sich nicht nur offen, sondern auch im Alltag und in Strukturen und muss deshalb aktiv thematisiert werden.Beispiel: Einem in Deutschland geborenen Schüler wird immer wieder gesagt: „Du sprichst aber gut Deutsch.“
- Wir-Identität
- Das Gefühl, zu einer Gruppe („wir“) zu gehören und sich von anderen („die“) abzugrenzen. Nieke will diese Grenze bewusst machen und erweitern.Beispiel: Eine Klasse versteht sich als „unsere Klasse“ statt als „die Deutschen“ und „die Ausländer“.
Ein Beispiel Schritt für Schritt: Streit um das Klassenfest
Die 9b plant ein Abschlussfest. Einige schlagen einen Grillabend mit Schweinewürstchen vor. Emir sagt, dann könne er nicht mitessen. Paul ruft: „Dann bring halt dein eigenes Essen mit, wir sind hier in Deutschland.“ Einige lachen. Die Klassenlehrerin unterbricht und lässt die Klasse zuerst sammeln, was allen am Fest wichtig ist. Am Ende gibt es ein Buffet, zu dem jede Familie etwas beiträgt – mit Schildern, was drin ist.
- Pauls Aussage zeigt Ethnozentrismus (Ziel 1) und eine enge Wir-Identität (Ziel 10). Er setzt die eigenen Gewohnheiten als Maßstab und zieht eine Grenze zwischen „wir“ und Emir, obwohl Emir Teil der Klasse ist.
- Die Lehrerin fördert vernünftige Konfliktbewältigung (Ziel 8). Sie beendet die Abwertung nicht nur, sondern macht den Konflikt zum Anlass für ein gemeinsames Gespräch und eine Lösung.
- Die Frage, was allen wichtig ist, betont das Gemeinsame (Ziel 6). Statt den Unterschied beim Essen in den Mittelpunkt zu stellen, rückt das gemeinsame Ziel – ein schönes Fest – nach vorne.
- Das Buffet macht gegenseitige kulturelle Bereicherung erfahrbar (Ziel 9). Verschiedene Traditionen werden nicht nur geduldet, sondern werden zum Gewinn für alle.
Grenzen der Theorie
- Die Ziele sind sehr allgemein formuliert. Wie genau sie im Unterricht umgesetzt und überprüft werden sollen, bleibt oft offen.
- Wer stark in „Kulturen“ denkt, läuft Gefahr, Menschen auf ihre Herkunft zu reduzieren und Stereotype zu verstärken. Die Pädagogik der Vielfalt versucht das zu vermeiden.
- Benachteiligung hat oft auch soziale und strukturelle Ursachen, etwa Armut oder Selektion im Schulsystem. Interkulturelle Erziehung allein kann diese nicht beheben.
Schritt 3
Video: Tobi erklärt Nieke
Schritt 4 · Anwendung und Training
Teste dich!
8 kurze Fragen. Tipp auf eine Antwort, dann siehst du sofort, ob sie stimmt.
Schritt 5
Impulsfragen zum Prüfungs-Training
Material
In der Pause ruft eine Gruppe Siebtklässler einer neuen Mitschülerin aus Syrien hinterher: „Geh doch zurück!“ Eine Mitschülerin, Jana, stellt sich neben das Mädchen und sagt: „Lasst sie in Ruhe, sie gehört jetzt zu uns.“ Die Aufsichtslehrkraft bekommt die Szene mit, sagt aber nichts.
Analysiere die Situation im Material mithilfe von mindestens drei Zielen interkultureller Erziehung nach Nieke.
Zeige mögliche Lösungsansätze
- Rassistische Ausgrenzung erkennen: Ziel 5 (Thematisieren von Rassismus) ist hier dringend nötig.
- Janas Verhalten als Solidarität (Ziel 7) und als Erweiterung der Wir-Identität (Ziel 10) deuten; Machtgefälle zwischen Gruppe und Einzelner (Mehrheit–Minderheit) beachten.
- Die Gruppe zeigt Ethnozentrismus und eine enge Wir-Grenze (Ziel 1, 10).
- Das Schweigen der Lehrkraft kritisch einordnen und daraus pädagogische Aufgaben ableiten.
Erläutere die Entwicklung von der Ausländerpädagogik zur interkulturellen Bildung nach Nieke (LK).
Zeige mögliche Lösungsansätze
- Phase 1: Ausländerpädagogik als vorübergehende Nothilfe für Gastarbeiterkinder, Blick auf Defizite.
- Phase 2: Kritik – Stigmatisierung der Kinder als Problemfälle; Pädagogik kann Politik nicht ersetzen.
- Phase 3 und 4: Trennung von Förderpädagogik und interkultureller Erziehung für alle; Zugewanderte und alteingesessene Gruppen als ethnische Minderheiten wahrnehmen.
- Phase 5 und 6: interkulturelle Bildung als Teil der Allgemeinbildung; danach neo-assimilatorische Tendenzen, die Nieke kritisch sieht.
- Jeweils erläutern, was sich ändert: von „die Zugewanderten müssen sich anpassen“ zu „alle lernen, in Vielfalt zu leben“.
Entwirf drei konkrete Maßnahmen für eine Projektwoche „Vielfalt an unserer Schule“ und ordne jede begründet einem von Niekes Zielen zu.
Zeige mögliche Lösungsansätze
- Jede Maßnahme konkret beschreiben, zum Beispiel ein Sprachencafé, ein Rollenspiel zu Konfliktlösung, eine Ausstellung zu gemeinsamen Festen.
- Jede Maßnahme ausdrücklich einem Ziel zuordnen und die Zuordnung begründen.
- Darauf achten, dass Maßnahmen alle Schülerinnen und Schüler ansprechen, nicht nur zugewanderte.
Beurteile die pädagogische Tragfähigkeit von Niekes zehn Zielen als Grundlage für interkulturelle Bildung an Schulen heute.
Zeige mögliche Lösungsansätze
- Stärken: klare Orientierung, Selbstreflexion statt Belehrung, Rassismus und Machtunterschiede werden benannt, Gemeinsames und Unterschiede werden verbunden.
- Schwächen: Ziele sind abstrakt und schwer überprüfbar; Gefahr, Kulturen als geschlossene Blöcke zu sehen; Grenzen der Toleranz bleiben auszuhandeln.
- Rahmenbedingungen einbeziehen: Zeit, Ausbildung der Lehrkräfte, strukturelle Benachteiligung, die Schule allein nicht lösen kann.
- Zu einem begründeten Urteil kommen, zum Beispiel „sinnvoller Orientierungsrahmen, der durch Vielfaltspädagogik und konkrete Schulentwicklung ergänzt werden muss“.

