Fend: Welche Aufgaben hat Schule?
Fends Theorie der Schule
Schritt 1
Wo stehst du gerade?
Schätz ehrlich ein, wie gut du das schon kannst. Daraus entsteht dein persönlicher Lernplan.
Selbstcheck
Ich kann die vier gesellschaftlichen Funktionen von Schule nach Fend nennen und jeweils kurz definieren.
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Kompetenz 1 von 6
- Ich kann die vier gesellschaftlichen Funktionen von Schule nach Fend nennen und jeweils kurz definieren.
- Ich kann jeder gesellschaftlichen Funktion die passende individuelle Funktion für Schüler zuordnen.
- Ich kann erklären, was Fend mit den Handlungsspielräumen der Akteure meint.
- Ich kann in einem Fallbeispiel die Schulfunktionen begründet identifizieren.
- Ich kann Spannungen zwischen Funktionen erläutern, etwa zwischen Selektion und individueller Förderung.
- Ich kann kriteriengeleitet beurteilen, ob eine Schule ihren Funktionen gerecht wird und wo Fends Theorie an Grenzen stößt.
Mein Lernplan
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Schritt 2
Die Theorie erklärt
Warum gehst du eigentlich jeden Morgen in die Schule? „Um etwas zu lernen“ ist die naheliegende Antwort – aber nur ein Teil der Wahrheit. Der Erziehungswissenschaftler Helmut Fend hat untersucht, welche Aufgaben Schule für die Gesellschaft und für jeden Einzelnen erfüllt. Die „Funktionen von Schule nach Fend“ sind im Abitur 2027 Pflichtstoff, im Grund- und im Leistungskurs.
Die vier Funktionen von Schule nach Fend
In seiner „Neuen Theorie der Schule“ (2006) unterscheidet Fend vier gesellschaftliche Funktionen. Jeder davon steht eine Funktion für dich als Individuum gegenüber:
– Enkulturation (kulturelle Reproduktion): Schule gibt grundlegende kulturelle Fertigkeiten und Werte an die nächste Generation weiter, etwa Sprache, Schrift, Rechnen und kulturelles Wissen. Für dich bedeutet das: kulturelle Teilhabe. Wer lesen und schreiben kann, kann mitreden.
– Qualifikation: Schule vermittelt Wissen und Kompetenzen, die für Arbeit und Beruf gebraucht werden. Für dich heißt das: berufliche Handlungsfähigkeit.
– Allokation/Selektion: Über Noten, Versetzungen und Abschlüsse verteilt Schule Schüler:innen auf Bildungswege und damit später auf Positionen in der Gesellschaft. Selektion ist das Auswählen und Aussortieren, Allokation das Zuweisen. Für dich eröffnet (oder begrenzt) das Chancen für deine Lebensplanung.
– Integration/Legitimation: Schule vermittelt Normen, Werte und Weltsichten, die die gesellschaftliche und politische Ordnung stützen und rechtfertigen – bei uns also die Demokratie. Für dich bedeutet das: soziale Identität und politische Teilhabe.
Achtung, Begriffsfalle: In Fends älterer „Theorie der Schule“ (1980) stehen nur drei Funktionen – Qualifikation, Selektion und Legitimation bzw. Integration. In manchen Materialien liest du außerdem von einer „Sozialisationsfunktion“, gemeint sind dann meist die Werte und Umgangsformen, die du in der Schule lernst. Im Abitur arbeitest du am besten mit den vier Funktionen oben.
Und noch etwas ist Fend wichtig: Schule ist keine Maschine, die Vorgaben von oben einfach ausführt. Schulen, Lehrkräfte und Schüler:innen haben Handlungsspielräume. Sie deuten Lehrpläne und Regeln neu und setzen sie auf ihre eigene Weise um (Fend nennt das Rekontextualisierung). Zwei Lehrkräfte können denselben Lehrplan also ganz unterschiedlich unterrichten.
Typische Abi-Fragen zu Fend
Frage 1: Was ist die wichtigste Aufgabe von Schule?
Die Frage nach „der wichtigsten“ Schulfunktion ist tricky. Denn „die wichtigste“ Schulfunktion benennt Fend nicht – es gibt keine hierarchische Liste, sondern nur eine Aufzählung! Es kommt also (wie immer) auf deine selbst gefundenen Begründungen an. Verschiedene Antworten sind denkbar. Möglich wäre etwa:
– Offensichtlich ist die Qualifikationsfunktion die wichtigste Schulfunktion, da Unterricht und Lernen die zentrale Aufgabe der Schule darstellen.
– Ebenso wichtig finde ich die Integrations- und Legitimationsfunktion, da sie Werte und Verhaltensweisen vermittelt, die nicht im Lehrplan stehen, aber für das Zusammenleben notwendig sind (Höflichkeit, Umgangsformen, Kollegialität, demokratische Spielregeln etc.).
Frage 2: Ist Sitzenbleiben gesellschaftlich erwünscht?
Ja und Nein! (Du merkst schon: Einfache Antworten gibt es hier nicht. Aber so ist das Abitur – da musst du bei fast jeder Frage differenzieren!) Nein, Sitzenbleiben ist nicht erwünscht, da Schüler statt einer simplen Wiederholung des Schuljahres ein gesetzlich verbrieftes Recht auf individuelle Förderung und Unterstützung haben. Ja, Sitzenbleiben ist erwünscht, da es die logische Konsequenz der gesellschaftlich geforderten Allokations- und Selektionsfunktion ist! Genau hier steckt eine typische Spannung zwischen den Funktionen: Wer sortieren muss, kann nicht gleichzeitig alle gleich fördern. Wie eine Schule mit dieser Spannung umgeht, hängt auch von den Handlungsspielräumen der Lehrkräfte ab – etwa, ob sie früh Förderangebote macht.
Frage 3: Vergleich mit NS-Schule
Welche Funktion hatte die Schule im 3. Reich? Die NS-Schule sollte das System stabilisieren. Das erreichten die Nazis durch eine starke Betonung der Integrations- und Legitimationsfunktion – allerdings als Indoktrination. Schüler haben sehr intensiv die Gepflogenheiten des völkischen Miteinanders trainiert. Sogar die Qualifikationsfunktion (die der Indoktrination untergeordnet war) diente der Ideologie. Ein Beispiel dafür sind die berühmten Mathe-Aufgaben, in denen rassistisches Denken vermittelt wird. Auch die Selektion folgte nicht nur der Leistung, sondern rassistischen und politischen Kriterien: Jüdische Kinder wurden aus den Schulen ausgeschlossen, für die NS-Eliteschulen wurde nach ideologischer Eignung ausgewählt.
Man könnte also sagen: Unsere Schule bereitet die Schüler durch alle vier Funktionen auf ein selbstbestimmtes Leben in unserer Gesellschaft vor (Schüler werden als individuelle Subjekte gesehen). In der NS-Schule dagegen sind sie Material, das durch Integration und Indoktrination (und die ihr untergeordnete Qualifikation) auf bestmögliches Funktionieren in der „Volksgemeinschaft“ vorbereitet wird. Hier sprechen wir vom „Objektcharakter“ der Jugendlichen —> Sie werden als zu formende Objekte angesehen.
Frage 4: Kommt deine Schule ihren Schulfunktionen nach?
Tja. Das musst du dir selbst überlegen! Geh bei der Antwort auf jeden Fall kriteriengeleitet vor. Antworte also nicht aus dem Bauch heraus, sondern geh Schritt für Schritt die einzelnen Schulfunktionen durch, etwa:
Enkulturation: Ja. Wir lesen viel, schreiben regelmäßig Texte und besuchen Theater und Museen. Allerdings haben Schüler, die zu Hause wenig Deutsch sprechen, es deutlich schwerer.
Qualifikationsfunktion: Ja, meine Schule kommt dieser Funktion relativ gut nach. Es gibt viel, relativ guten Unterricht und wenig Stundenausfall. Im Zentrum des Unterrichts steht das Lernen.
Allokation/Selektion: Ja, meine Schule selektiert. Allerdings sind die Kriterien der Notenvergabe uneinheitlich und von jedem Lehrer individuell geregelt.
Integration/Legitimation: Eher ja. Wir haben sehr viel über die Notwendigkeit von Demokratie gelernt. Außerdem legen die Lehrer viel Wert darauf, dass wir uns kritisch eine eigene Meinung bilden. Beim sozialen Miteinander hapert es aber: Mein alter Klassenlehrer hat sich kaum um Probleme innerhalb der Klasse gekümmert. Jeder konnte machen, was er wollte.
Frage 5: Was wäre, wenn es keine Schule gäbe?
Ja, was wäre dann? Die Schulschließungen in der Corona-Zeit sind dafür ein gutes Anwendungsbeispiel! Wieder nutzen wir die 4 Schulfunktionen für eine strukturierte Antwort:
– Enkulturation: Hinge komplett an den Familien. Kinder aus bildungsnahen Familien kämen zurecht, andere würden abgehängt.
– Qualifikationsfunktion: Wäre stark eingeschränkt. Im Idealfall gäbe es selbstgesteuertes Lernen zu Hause, aber längst nicht jeder hat dafür Unterstützung, Ruhe und Technik.
– Allokation/Selektion: Fiele ebenso weg. Wie sollten die Unis dann ihre beschränkten Plätze vergeben? Wie soll entschieden werden, wer welchen Job bekommt?
– Integration/Legitimation: Fiele weitgehend weg. Wo sonst lernen alle Kinder – unabhängig von ihrer Herkunft – gemeinsam, wie Demokratie funktioniert und wie man Konflikte fair löst?
Aber ebenso: Es gibt keine kustodiale Funktion (Betreuungsfunktion) mehr. Ohne Schule sind Eltern allein dafür verantwortlich, auf ihre Kinder aufzupassen – und können nicht mehr richtig arbeiten gehen! Das hat die Corona-Zeit deutlich gezeigt. Diese Betreuungsfunktion taucht in Fends Modell nicht als eigene Funktion auf – ein guter Punkt, wenn du Fends Theorie kritisch beurteilen sollst!
Denk bei jeder Frage an eine strukturierte und kriteriengeleitete Argumentation. Mit den 4 Schulfunktionen (und ihren individuellen Gegenstücken) sollte das problemlos klappen.
Viel Erfolg!!
Begriffe verstehen
- Enkulturation (kulturelle Reproduktion)
- Schule vermittelt grundlegende kulturelle Fertigkeiten und Wertorientierungen wie Sprache, Schrift und Symbolsysteme. So wird Kultur an die nächste Generation weitergegeben. Individuell ermöglicht das kulturelle Teilhabe.Beispiel: Im Deutschunterricht lesen alle Schüler Literatur und lernen, sich schriftlich auszudrücken.
- Qualifikation
- Schule vermittelt Wissen und Kompetenzen, die für Arbeit und Beruf gebraucht werden. Individuell führt das zu beruflicher Handlungsfähigkeit.Beispiel: Im Informatikunterricht lernen Schüler programmieren, was später im Beruf gefragt ist.
- Allokation und Selektion
- Schule verteilt über Leistungsbeurteilung, Noten und Abschlüsse Schüler auf Bildungswege und damit auf Positionen in der Gesellschaft. Selektion ist das Aussortieren, Allokation das Zuweisen. Individuell bietet das Chancen für die eigene Lebensplanung.Beispiel: Ohne Abitur kein Medizinstudium – das Abiturzeugnis entscheidet über Studienplätze mit.
- Integration und Legitimation
- Schule vermittelt Normen, Werte und Weltsichten, die die bestehende gesellschaftliche und politische Ordnung stützen und rechtfertigen. So entsteht sozialer Zusammenhalt. Individuell fördert das soziale Identität und politische Teilhabe.Beispiel: Im Politikunterricht werden Grundgesetz und Demokratie behandelt, die SV übt Mitbestimmung ein.
- Handlungsspielräume der Akteure
- In der „Neuen Theorie der Schule“ betont Fend, dass Vorgaben von Staat und Gesellschaft nicht eins zu eins umgesetzt werden. Schulen, Lehrkräfte und Schüler deuten sie neu und gestalten sie aktiv mit (Rekontextualisierung). Schule ist also kein reiner Mechanismus, sondern ein Gestaltungsfeld.Beispiel: Zwei Lehrkräfte setzen denselben Lehrplan ganz unterschiedlich um – die eine frontal, die andere in Projekten.
Ein Beispiel Schritt für Schritt: Ein Tag an der Gesamtschule Nord
Lena (Klasse 9) hat morgens Englisch und schreibt danach eine Mathearbeit, deren Note für die Empfehlung zur gymnasialen Oberstufe zählt. In der Mittagspause stimmt die Klasse in der SV-Versammlung über eine neue Handyregel ab. Nachmittags besucht sie im Rahmen der Berufsorientierung eine Werkstatt. Ihre Klassenlehrerin hat die vorgegebenen Klassenarbeiten durch ein Portfolio ergänzt, damit auch schwächere Schüler zeigen können, was sie können.
- Englischunterricht – Enkulturation (und Qualifikation). Sprache ist ein grundlegendes kulturelles Symbolsystem; Englischkenntnisse sind außerdem beruflich verwertbar.
- Die benotete Mathearbeit – Allokation/Selektion. Die Note entscheidet mit über den weiteren Bildungsweg und damit über spätere gesellschaftliche Positionen.
- Abstimmung in der SV und Berufsorientierung – Integration/Legitimation bzw. Qualifikation. In der SV lernen Schüler demokratische Verfahren kennen und anerkennen; das Praktikum bereitet auf die Arbeitswelt vor.
- Das Portfolio der Lehrerin – Handlungsspielraum der Akteure. Die Lehrerin setzt die Vorgabe der Leistungsbewertung nicht nur mechanisch um, sondern gestaltet sie im Sinne der Förderung um.
Grenzen der Theorie
- Das Modell ist funktionalistisch und eher beschreibend. Es erklärt kaum, warum Schule soziale Ungleichheit reproduziert, etwa über den Zusammenhang von Herkunft und Noten.
- Wichtige Aufgaben von Schule tauchen nicht als eigene Funktion auf, zum Beispiel die Betreuungsfunktion, die in der Corona-Zeit sichtbar wurde, oder Persönlichkeitsbildung und Erziehung.
- Die Funktionen stehen in Spannung zueinander, etwa Selektion und Förderung. Wie diese Konflikte gelöst werden sollen, gibt das Modell nicht normativ vor – hier braucht es ergänzend ein Bildungsverständnis wie das von Klafki.
Schritt 3
Video: Tobi erklärt Fend
Schritt 4 · Anwendung und Training
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Schritt 5
Impulsfragen zum Prüfungs-Training
Material
Emir hat in der 4. Klasse eine Hauptschulempfehlung bekommen, obwohl er gut rechnen kann. Seine Deutschnoten sind schwächer, weil zu Hause kaum Deutsch gesprochen wird. Seine Lehrerin bietet ihm eine Leseförderung an und spricht mit den Eltern über die Möglichkeit, dass er an eine Gesamtschule wechseln kann.
Analysiere das Material mithilfe der Funktionen von Schule nach Fend.
Zeige mögliche Lösungsansätze
- Die Schulformempfehlung ist Ausdruck der Allokations- und Selektionsfunktion.
- Die schwächere Sprachkompetenz betrifft die Enkulturation, die für Emir kulturelle Teilhabe erst ermöglichen soll; gute Mathenoten zeigen, dass die Qualifikation gelingt.
- Die Leseförderung und das Elterngespräch zeigen den Handlungsspielraum der Lehrerin.
- Arbeite die Spannung heraus, dass Selektion hier mit sozialer bzw. sprachlicher Herkunft zusammenhängen könnte und so Emirs Lebensplanung (individuelle Funktion) begrenzt.
Erläutere die Beziehung zwischen den gesellschaftlichen und den individuellen Funktionen von Schule.
Zeige mögliche Lösungsansätze
- Nenne alle vier Paare, zum Beispiel Qualifikation und berufliche Handlungsfähigkeit.
- Zeige, dass beide Seiten zusammengehören – was die Gesellschaft braucht, eröffnet dem Einzelnen Chancen.
- Zeige auch Konflikte, etwa wenn gesellschaftliche Selektion individuelle Lebensplanung begrenzt.
Vergleiche die Funktionen von Schule heute mit der Schule im Nationalsozialismus.
Zeige mögliche Lösungsansätze
- Kriterien festlegen, zum Beispiel Ziel, Menschenbild, Gewichtung der Funktionen.
- Im NS dominierten Integration/Legitimation als Indoktrination; Qualifikation war ihr untergeordnet.
- Selektion folgte rassistischen und ideologischen Kriterien, nicht nur Leistung.
- Heute zielt Schule auf mündige Subjekte, im NS wurden Jugendliche als zu formende Objekte gesehen.
- Handlungsspielräume von Lehrkräften und Schülern waren im NS stark eingeschränkt, heute sind sie ausdrücklich gewollt.
Beurteile, ob die Selektionsfunktion der Schule mit dem Anspruch auf Chancengleichheit vereinbar ist.
Zeige mögliche Lösungsansätze
- Pro: Leistungsbezogene Allokation ist gerechter als Verteilung nach Herkunft oder Beziehungen; die Gesellschaft braucht eine Zuordnung zu Positionen.
- Contra: Studien zeigen einen Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg; frühe Aufteilung kann Ungleichheit verstärken.
- Handlungsspielräume einbeziehen, zum Beispiel individuelle Förderung, durchlässige Schulformen, transparente Bewertung.
- Begründetes eigenes Urteil, etwa „vereinbar nur, wenn Förderung vor Selektion steht“.
Alles Wichtige zu Fend auf einem Blatt:
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